Eine Kolumne, lange vor der Novela geschrieben — und trotzdem mittendrin.
Weil das ganze Thema rund um offene Beziehungen in meinem privaten Freund:innenkreis ein hochaktuelles Thema ist, habe ich schon lange vor der Novela eine Kolumne dazu geschrieben. Und weil in die Novela so viel von dem mit einfließt, was mich auch privat bewegt, gilt das auch hierfür. Deswegen jetzt und hier: Offene Beziehungen. My take.
Die Kolumne
Ich bin offen – solange du bleibst.
Wer entscheidet eigentlich, mit wem ich schlafe?
„Wir wollen jetzt auch unsere Beziehung öffnen."
Ich sitze am Küchentisch meiner Freunde, und sie sagen das wie eine Ankündigung. „Du findest das bestimmt doof, oder?", kommt direkt hinterher.
„Nö", sage ich. Stimmt auch. Tatsächlich weiß ich nämlich gar nicht, wie ich das finden soll.
Aber ja, mein erster Gedanke, ganz persönlich: Wenn ich einen Partner habe, soll der gefälligst mit mir schlafen. Also wirklich. Wo kommen wir denn da hin?
Was mich und meine sexuelle Freiheit angeht, bin ich gleichsam entspannter. Weil ich ja weiß, wie viel Gefühl von meiner Seite investiert ist – oder eben nicht. Das hab ich sicher.
Dass das nicht fair ist, ist mir klar. Was ich mir nehme, muss ich auch zugestehen können. Und da wird's schwierig.
Wie viel Freiheit kann Beziehung aushalten?
Wir sitzen also am Küchentisch, trinken Wein, philosophieren. „95 Prozent aller Paare gehen einander ohnehin fremd", zitiert meine Freundin eine Studie. Und stellt damit die richtige Frage: Warum dann nicht gleich „legal", mit Absprache, ohne Lügen, ohne Verstecken, ohne Heimlichkeiten? Ethical Non-Monogamy nennt man das. ENM. Ich lerne: Es gibt Begriffe, es gibt Konzepte – und es ist längst kein Einzelfall mehr.
Ich stutze. Klar, 95 Prozent sind eine Ansage. Und ja, auch ich könnte mich aus der Statistik nicht rausrechnen. Ich hatte Partner, denen ich nicht treu war.
Gleichzeitig werde ich innerlich rebellisch. Das kenn ich von mir. Wenn alle marschieren, breche ich Konventionen. Wenn alle rebellieren, werde ich konservativ.
Jetzt wirken mir alternative Beziehungsmodelle, diese Suche nach Lässigkeit und Unverbindlichkeit, auf einmal zu weichgespült. Machen wir es uns damit nicht zu leicht? Suchen wir nur den schnellen Ausweg? Ist das am Ende einfach nur Midlife-Crisis?
Was, wenn die eigentlich spannende Herausforderung genau hier liegt – da, wo wir uns dem Commitment stellen müssten? Dort, wo wir nicht in fremden Betten nach Antworten suchen, sondern uns miteinander immer wieder neu finden?
Und wird Sex nicht sowieso mit jedem gemeinsamen Mal schöner? Oder hat man irgendwann wirklich das Kama Sutra einmal durch und kann zusammen beim besten Willen nichts Neues mehr entdecken?
Was ich nicht nur verstehe, sondern auch aufrichtig gutheißen kann, ist die Sehnsucht nach Offenheit, wenn in einer Beziehung etwas fehlt – und gleichzeitig noch genug da ist, um sich nicht zu trennen.
Bei meinem befreundeten Paar ist das aber gar nicht so.
Die sind ein gutes Team. Wirklich. Auch hinter verschlossenen Türen noch. Die beiden lachen zusammen, können auf Augenhöhe debattieren, einfach nur reden, unterstützen gegenseitig ihre Karrieren, haben gemeinsame Projekte und ein aktives Sexleben.
Vielleicht beschäftigt es mich genau deswegen so sehr. Ich bin regelrecht enttäuscht – und weiß selbst nicht genau, warum eigentlich.
Weil ich die Idee einer lebenslangen Beziehung so schön finde? Weil es doch eigentlich immer die Liebe ist, die uns hoffen lässt? Oder weil ich nicht weiß, was bleibt, wenn genau diese Liebe ihre Form verliert?
Ich frage nach, will das wirklich verstehen. „Was fehlt?" „Das Neue, das Unbekannte. Nach 14 gemeinsamen Jahren einfach mal wieder jemanden anderen vögeln", ist in dem Fall die klare Antwort.
Das ist natürlich ein K.O.-Argument. Klar. Das kann ein langjähriger Partner nicht liefern – da kann er ja machen, was er will.
Den Wunsch verstehe ich. Es gibt sie nun mal, diese Menschen, mit denen man sofort eine Chemie hat, eine Anziehung, ein ich-will-mit-dir-schlafen. Jetzt. Und weil Sex eben immer schöner wird, je öfter man ihn miteinander hat – gerne auch nochmal.
Warum denn eigentlich nicht?
Mal ehrlich: Ist mein Körper überhaupt exklusiv? Darf jemand mitentscheiden, wer ihn berührt? Oder gehört er nicht eigentlich nur mir allein?
Wenn ich diesen Gedanken konsequent destilliere, lande ich unweigerlich bei: Mein Körper, mein Sexleben. Mit wem ich schlafe – und mit wem nicht – ist allein meine Entscheidung. Damit stehen mir mindestens in der Theorie alle Türen offen. Auch die zu fremden Schlafzimmern.
Dann sind die eigentlichen Fragen: Wie viel Freiheit halten wir aus? Was trägt unsere Beziehung, wenn es nicht mehr monogamer Sex ist? Was in mir hat Angst, dich zu verlieren? Warum denke ich, nicht mehr zu genügen, sobald du mit jemand anderem schläfst? Was verliere ich, wenn du bei mir bist – und an sie denkst?
Es ist ein Thema zum Weiterdenken.
Denn auf der anderen Seite bleibt sie stehen. Die romantische Idee von der einen Liebe des Lebens. Ganz unerschütterlich steht sie da, mit erhobenem Haupt. Sieht überhaupt nicht ein, dass die große Liebe nur eine Illusion sein soll.
Und das lässt sich auch durch progressive Gedanken nicht auflösen.
Es muss doch gehen, dass zwei Menschen einander genug sind.
Oder?
Gehen wir am Ende wirklich alle mit schlüpfrigen Geheimnissen aus diesem Leben?
Oder zumindest: 95 Prozent von uns.